Zuhören: Die meist unterschätzte Grundfähigkeit

14.4.2020
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Wir alle kennen sicherlich Gespräche mit Menschen, die mit leerem Blick über unsere Schulter hinwegschauen, weil sie es gar nicht erwarten können, selbst endlich etwas zu sagen. Sehr schade finde ich es, wenn Vorgesetzte nicht einmal abwarten, bis Mitarbeiter zu Ende gesprochen haben, sondern einfach dazwischenfunken. In meinen Beobachtungen stelle ich immer wieder fest, dass das ein primärer Grund für viele Missverständnisse ist.

Zuhören ist wahrscheinlich die am meist unterschätzte Grundfähigkeit, für wahrhaften Kontakt und unseren Beziehungen zu Mitarbeitern, Kunden, genauso wie zu unseren Liebsten.

Vornehmlich hören wir dem anderen nur zu, weil wir ihn umkrempeln wollen, damit er die Lage genauso sieht wie wir, damit wir ihn von unserer Sicht überzeugen können. Das liegt in erster Linie daran, dass wir andere Meinungen als Stress empfinden und wir die Dissonanz nicht ertragen. Anderen zuzuhören gelingt nicht, wenn wir unfähig sind uns selbst zuzuhören, solange wir mit uns nicht im Reinen sind. Der Punkt ist jedoch der: Wenn wir die Art des Zuhörens verändern, verändern wir die Beziehung zu unserer Erfahrung. Und wenn wir das verändern, verändern wir alles.

Wie alles im Leben lässt sich auch das Zuhören lernen, wenn man nur will. C. Otto Scharmer beschreibt in seinem Buch Essentials der Theorie U vier Arten des Zuhörens und betont, dass der Erfolg von Führungs- und Veränderungsarbeit essenziell davon abhängt, die Qualität des Zuhörens darauf auszurichten, was in einer bestimmten Situation erforderlich ist. In diesen vier Arten spiegeln sich die Prinzipien von der Öffnung des Denkens, des Herzens und des Willens:

Herunterladen: Das Zuhören ist darauf beschränkt, nur das wahrzunehmen, was wir schon wissen und kennen.

Faktisches Zuhören: Wir fokussieren uns auf die Daten und achten auf widerlegende Informationen. Dazu ist erforderlich, dass sich unser Denken öffnet – das heißt wir beginnen unsere eigenen Gedanken zu unterbrechen und sie auszublenden.

Empathisches Zuhören: Wir sehen die Situation mit den Augen des anderen. Dafür müssen wir unser Herz öffnen und unsere Gefühle werden als Wahrnehmungsorgan benutzt. Wir versuchen nicht nur zu begreifen was der andere sagt, sondern auch wie es ihm dabei geht.

Schöpferisches Zuhören: Wir hören zu mit dem Ziel zu verstehen und um die höchste Zukunftsmöglichkeit gegenwärtig werden zu lassen. Soll heißen, damit wir uns entwickeln.

Wenn Du auf der Ebene „Herunterladen“ zuhörst, ist Deine Aufmerksamkeit nicht darauf ausgerichtet, was die andere Person sagt, sondern auf Deinen eigenen, inneren Kommentar. Sobald Du die Schwelle auf „Empathisches Zuhören“ überschreitest, verschiebt sich Dein Raum des Zuhörens von Dir weg auf die andere Person. Auch wenn Du nicht einer Meinung mit dieser Person bist, kannst Du jetzt nachvollziehen wie derjenige die Situation wahrnimmt. Beim Weiterschreiten vom „Empathischen Zuhören“ zum „Schöpferischen Zuhören“ wird Dein Zuhören zu einem behütenden Raum, in dem etwas Neues, das geboren werden möchte, ankommen darf. Du hörst mit Offenheit darauf, was im Entstehen begriffen ist.

In Verbundenheit

Michaela Schmelzer

photo credit: University of Michigan's Ford School <a href="http://www.flickr.com/photos/68616153@N03/48986854097">Listening to Strengthen Democracy: Kathy Cramer</a> via <a href="http://photopin.com">photopin</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/">(license)</a>

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