Beziehungen werden von Deiner Selbstliebe genährt

10.1.2020
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Viele Menschen verwechseln Selbstliebe mit Egoismus und/oder Narzissmus. Das ist der Grund für den anhaftenden negativen Beigeschmack, wenn wir über Selbstliebe sprechen. Dabei haben sie mit wahrer Selbstliebe nichts zu tun. Im Gegenteil, der Mangel an Verständnis und Anerkennung sich selbst gegenüber ist die Ursache von Egoismus und Narzissmus.

Ein Egoist ist ein Mensch, der andere dazu benutzt, seine eigenen Ziele zu unterstützen. Ihre eigene Bedürftigkeit nach Selbstbejahung müssen sie in ihrem Leben inszenieren und führen indes ein armes Dasein. Was zu einem harten Wesen, zur mangelnden Herzenswärme sowie fehlendem Mitgefühl für andere führt. Egoisten kämpfen mit allen Mitteln um die Anerkennung ihrer Existenz von außen und realisieren nicht, dass es eigentlich darum geht, Ja zu sich selbst zusagen.

Ein Narzisst ist ein Egoist, der sich selbst so verehrt, dass er sonst niemanden wertschätzen kann. Würde er einen Blick auf seine Mitmenschen riskieren, bestünde die Gefahr der Konfrontation mit der Brüchigkeit seiner Lebenskonstruktion. Denn in Wirklichkeit mangelt es am echten Ja zu sich selbst. Der enorme Gegensatz des nach außen hin gelebten Ja zu sich selbst und der eigentlichen inneren Wirklichkeit spiegelte sich auch hier in einer Brutalität wider, sollte die Inszenierung der Selbstbewunderung in Gefahr sein.

Wir haben das Gefühl, nichts wert zu sein, wenn wir uns nicht selbst lieben. Darin liegt das Problem des mangelnden Selbstwertes. Egoisten und Narzissten können diesen Mangel allerdings vor sich und anderen verbergen. Wir brauchen uns also in unserem Bestreben nach Selbstliebe nicht sorgen, Narzissten oder Egoisten zu werden!

Für gewöhnlich verstehen wir Liebe als Gefühl, vielleicht sogar als das höchste Gefühl. Und doch ist es kein Gefühl. Wenn ich sage: „Ich liebe die Menschen“, dann ist es ein anderes Lieben als die Liebe zu meinem Sohn und die wiederum ist anders als die Liebe zu meinem Partner. Das was sich unterschiedlich anfühlt, sind die Gefühlszustände.

Wenn ich die bedingungslose Liebe zu meinem Sohn betrachte, muss ich zugeben, dass ich ihn schon öfters auf den Mond schießen wollte. Alle blockierenden Gefühle habe ich da mittlerweile gespürt (außer Hass): Wut, Verzweiflung, Ärger, Aggression. Und trotzdem ist die tiefe Verbundenheit, die ich ihm gegenüber empfinde, niemals abhandengekommen. So lässt sich erklären, was die Liebe neben den Gefühlszuständen ausmacht: Sie ist die totale Verbundenheit!

Neurobiologisch repräsentiert sich die Liebe durch ganz andere Aktivierungen im Gehirn als jene Regungen, die wir als Gefühle wahrnehmen. Als totale Verbundenheit ist sie ein Empfinden.

Wenn ich richtig gut drauf bin und gute Musik höre, kann ich nicht anders und muss tanzen, wenn ich Trauriges lese oder in den Nachrichten höre bekomme ich feuchte Augen, manchmal bringt es mich richtig zum Weinen. Empfindungen hingegen machen uns nichts! Empfindungen sind reine Wahrnehmungen, die wir noch nicht durch Bewertungen in uns selbst institutionalisiert haben. Sie drängen uns nicht, so wie es die Gefühle tun. Somit ist das Wesentliche der Liebe die Nähe und hat etwas überraschend Gleichgültiges.

Wie kann man also lieben? Eine Empfindung ist nichts aktiv Erzeugbares. Wenn wir aber lernen, empfindsamer zu werden, werden wir lernen zu lieben. Selbstliebe bedeutet also das Empfinden der totalen Nähe zum wahren Selbst. Doch warum eigentlich fürchten sich die meisten Menschen davor, sich selbst ehrlich zu begegnen?

Mir scheint das Problem liegt darin, dass viele Menschen ein Leben führen, dass sie sich zusammengezimmert haben aus einer Idee heraus, wie das Leben sein soll. Wenn sich jemand irgendwann mal vorgestellt hat, dass materieller Reichtum zu Sicherheit und Freiheit führen, dann ist er diesem Prinzip im Leben verpflichtet. Sicherheit ist uns allen wichtig, aufgrund der Sehnsucht nach Bindung. Freiheit ist uns ebenfalls wichtig, aufgrund der Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Somit ist das Streben nach Macht und Geld erklärbar, weil man glaubt, durch diese zur Befriedigung von seinem Bedürfnis nach Bindung und Selbstverwirklichung zu kommen. Doch der Schein trügt. Und der Umstand, dass man sich Jahre um etwas gekümmert hat, um das es eigentlich nie gegangen ist, irritiert und beängstigt, wenn man ihn durch wahre Nähe zu sich erkennt.

Wenn wir die Wahl haben, vermeiden wir die Angst. Der Nachteil (wenn es tatsächlich einen gibt) der Selbstliebe liegt darin, dass wir keine Wahl mehr haben. Wir tun nämlich dann das, was uns entspricht. Jeder der den Mut hat, die eigenen Ängste auszuhalten, damit sie ihre Rolle verlieren, wird mit Freiheit belohnt. Die wirkliche Freiheit bedeutet nämlich frei zu sein von Angst: Der Zustand, in dem es kein Richtig und kein Falsch gibt.

Um uns selbst zu lieben, müssen wir durch jegliche Schichten unserer Gefühle zum eigentlichen Empfinden von uns selbst durchdringen. Bewusst darauf achtend, nicht selbst von uns gestört zu werden bzw. Störenfriede in uns dankbar zu identifizieren und daran zu arbeiten, sie sein zu lassen. Was sich dann ergibt, ist die Liebe zu sich, jene Nähe, die uns erst beziehungsfähig macht! Denn in Wahrheit können wir niemand anderen lieben, wenn wir uns nicht selbst lieben.

In Liebe

Michaela Schmelzer

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